Es ist windig, leicht bewölkt und wir haben knapp unter 20 Grad, so dass ich beschließe nochmal am Rio Seco von Mil Palmeras Richtung Pinar de Campoverde wandern zu gehen. Der Rio Seco ist ein ausgetrocknetes Flussbett, welches mehr durch den starken Schilfbewuchs zu erkennen ist als durch ausgetrocknetem Boden. Man muss schon etwas suchen, um einen Einstieg zum Wandern zu finden, da der Weg insgesamt tiefer liegt als die umgebende Wohnsiedlung. Aber eigentlich braucht man nur ein wenig Ausschau zu halten nach einer Stelle, an der es grüner ist als an anderen, und schon schaut man zumindest von oben drauf. Wenn man keinen der offiziellen Einstiege findet, läuft man halt ein Stück parallel bis man eine Stelle findet, an der es nicht ganz so abschüssig runter geht und man von dort auf den Weg (Trampelpfad) drauf kommt.

Nachdem ich die letzten Wochen ausschließlich Strand, Sand, Wüste und Meer gesehen habe, bin ich vollkommen überrascht mit einem Mal innerhalb von drei Schritten mitten in grüner Natur zu stehen. Sie ist etwas karg und trocken, aber dennoch hat man an dieser Stelle – bei der Brücke zum Einstieg in Mil Palmeras – das Gefühl, man betritt ein anderes Land, eine Märchenwelt. WOW – wieviele Wochen ist das her, dass ich Vögel habe zwitschern hören?

Nach ca. 1-2 km kommt eine Stelle mit einem Rastplatz. Liebevoll sind hier einige runde Tische gemauert und drum herum Sitzplätze und Sitzbänke ebenso aus Stein. Da ich gänzlich allein auf weiter Flur bin, frage ich mich, ob hier wohl manchmal so große Reisegruppen unterwegs sind, dass alle schätzungsweise 40 Plätze belegt sind. Ab dieser Stelle kann jedenfalls nichts mehr schief gehen. Man läuft unter der Brücke durch und immer nur noch gerade aus. Der Weg ist hier auch immer wieder mal ausgeschildert, so dass man wirklich nichts verkehrt machen kann. Ausserdem liegt ja links immer das Flussbett.

Schon nach einem kurzen Stück wird die Umgebung nochmal krasser und irgendwie auch ein wenig unheimlich. Ich überlege, ob ich vielleicht besser eine Machéte hätte mitnehmen sollen, um mir den Weg durch das mindestens drei Meter hohe Schilf schlagen zu können. Aber es geht auch so. Und auch wenn es vollkommen menschenleer ist, ist der Weg durch Benutzung stark befestigt. Irgendwann müssen hier mal Menschen gelaufen sein, denke ich so vor mich hin. Begegnet ist mir immer noch keiner. Falls es mal richtig heiß sein sollte, schützt das Schilf auch gut vor der sengenden Sonne. Hier könnte man also auch im Sommer mal gehen. Und entgegen meiner Befürchtung, dass es hier wahrscheinlich nur so wimmelt von Mücken und anderem Getier, ist es ganz anders. Man muß schon suchen, bis man eine Fliege oder gar einen Schmetterling entdeckt. Das kann aber nach einem Regen gänzlich anders sein und ich nehme mir vor mich beim nächsten Mal auf jeden Fall vorher mit einem Mückenschutz einzucremen.

Irgendwann ist das Dickicht durch das Schilf zu Ende und wieder wird die Landschaft gänzlich anders. Links und rechts so viel Grün, ich bleib erstmal stehen, um diesen Anblick ein zu atmen. Es ist nur Unkraut, aber wenn man wochenlang kein Grün sieht, empfindet man das als absolut traumhaft.

Nach einem weiteren Stück folgen vollkommen ausgetrocknete Nadelhölzer. Ich frage mich, wie es kommt, dass die Nadeln noch dran sind. Denn man muss nur mit dem Ärmel gegen kommen und der halbe Baum rieselt einem entgegen. Und dabei ist es hier so oft so stürmisch. Wie machen die das, dass die Nadeln dabei nicht abfallen? Es bleibt mir leider ein Rätsel.

Irgendwann wird die Landschaft um den Weg herum wieder etwas offener und man sieht nicht nur wieder mehr Wüste und vereinzelt bewirtschaftete Felder, sondern abermals vollkommen krasse Gegensätze. Beim letzten Wolkenbruch wohl vom Hang abgerutschte Erde, die durch die andauernde Trockenheit Risse im Boden hat, wie bei einem ausgetrockneten See. Und direkt daneben mit einem Mal eine gelb-weisse und fast zwei Meter hohe Blumenpracht. Unfassbar. Und wunderschön! Und genau an dieser einen Stelle dann mit einem Mal Bienchen und andere kleine Insekten, die sich an den duftenden Blümchen ergötzen. Es geht zu wie auf einer Autobahn, Summ von links, Summ von rechts und von oben und von schräg, hin und zurück… was für ein Getummel. Wie die das machen, dass die nicht andauernd aneinander ditschen, frage ich mich. Bei solch einem Flugverkehr gäb´s am Himmel einen Absturz nach dem nächsten!

Es gibt wirklich nicht viel an Tieren zu beobachten, wenn man das mal mit einem deutschen Wald vergleicht. Man muss schon stehen bleiben und wirklich suchen, um mal einen Gecko, einen Ameisenpfad, leere Schneckenhäuser oder eben Bienen und Schmetterlinge zu entdecken. Aber um so schöner ist es dann, wenn man sie entdeckt. Und wenn man dann mit einem Mal vor einer Apfelsinenplantage steht und vereinzelt Orangen herumliegen sieht, verspürt man spontan das dringende Bedürfnis sich eine zu stibitzen – dafür dann wohl auch der hohe Zaun – hrmpf….

 

Mil Palmeras, Einstieg Wanderweg Rio Seco

Mil Palmeras, Einstieg „Lo Monte“ zum Wanderweg Rio Seco

Mil Palmeras, Einstieg "Mil Pameras" zum Wanderweg Rio Seco

Mil Palmeras, Einstieg „Mil Pameras“ zum Wanderweg Rio Seco, im Hintergrund unter der Brücke verläuft das ausgetrocknete Flussbett.

Mil Palmeras, Wanderweg Rio Seco, Schilf

Mil Palmeras, Wanderweg Rio Seco, Schilf

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